Musik
sanna frankie im Ticketmaster Interview über ihr Debüt-Album „cerberus“: Zwischen innerem Chaos, stiller Angst und dem Mut, alles zu fühlen
Mit cerberus veröffentlichte Sanna Frankie ihr Debütalbum – und gleichzeitig ihr bisher persönlichstes Projekt. Im Interview mit Ticketmaster erzählt sie, wie die letzten Jahre sie verändert haben und wie sie für ihr Debütalbum das Chaos umarmte und sich großen Emotionen stellte. Diese neue Experimentierfreude zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk. Alle Infos zum Album und persönliche Einblicke von sanna frankie gibt es hier im Blog.
Um ihr Debütalbum gebührend zu feiern, spielte Sanna Frankie ein Release‑Konzert in ihrer Heimat Wien und zelebrierte gemeinsam mit ihren Fans ihre brandneuen Songs. Im Aftermovie sieht man, welche Stimmung ihre Shows mit sich bringen – eine Erfahrung voller Reflexion, großer Gefühle und Gemeinschaft.
Der Weg zum Debüt-Album „cerberus“
Wenn du auf die Zeit seit deiner EP „a room with a canvas“ bis zum Debütalbum „cerberus“ zurückblickst – was hat sich für dich am stärksten verändert?
Ich glaube am meisten hat sich meine Experimentierfreudigkeit verändert. Ich habe mich viel mehr getraut aus meiner Komfortzone herauszugehen und einfach alles zu probieren was sich im Moment richtig angefühlt hat. Ich habe vor allem gelernt, mich nicht in eine Box zu stecken, sondern mir bewusst zu machen, dass die ganze Musikwelt mir offen steht und ich alles probieren darf, was es gibt. Ich werde auch noch in den nächsten Jahren viel dazulernen!
„cerberus“ ist ein sehr persönliches, schonungsloses Album. Was war der Moment, in dem du wusstest: „Das wird mein Debütalbum – und es wird radikal ehrlich“?
Meine Freunde aus dem Studio haben mir die Idee in den Kopf gesetzt ein Album zu machen. Davor hab ich das gar nicht so als Möglichkeit angesehen bzw. dachte das dauert sicher noch bis ich in der Lage sein werde ein Album zu machen. Nachdem dieser Gedanke gepflanzt wurde, konnte ich nicht mehr davon weg und wusste, ich werde jetzt mein erstes Album machen. Und Ehrlichkeit in meiner Kunst war mir schon immer super wichtig, weil ohne, glaube ich, würden meine Songs nicht funktionieren.
Die Figur des Cerberus dient dir als Metapher für Derealisation. Wie bist du auf dieses Bild gekommen, und was bedeutet es dir persönlich?
Cerberus ist der dreiköpfige Hund, der den Eingang zur Unterwelt bewacht. Da ich ein großer Fan der griechischen Mythologie bin, wollte ich das unbedingt einbauen. Ich hab dann nach mythischen Figuren gesucht und bei Cerberus hat es Klick gemacht. Mein Album handelt von großen Emotionen und schwierigen Erlebnissen, vor denen mich meine Derealisation immer versucht zu schützen, auch wenn sie gerade gar nicht präsent sind. Da hat es dann nur Sinn gemacht, den Cerberus als Metapher für meine Derealisation (für meinen eigenen Schutzmechanismus) zu verwenden. Das gab mir dann auch den Anstoß, offener über das Thema zu sprechen.
Jeder Track wirkt wie eine eigene emotionale Welt. Wie bist du an die Struktur des Albums herangegangen – gab es zuerst ein Konzept oder sind die Songs organisch gewachsen?
Mein Konzept für das Album ist Chaos und der erschwerte Umgang mit großen Emotionen. Das Chaos an sich macht das Album zum Teil wieder konzeptlos, aber das gab mir auch den Raum, die Songs organisch wachsen zu lassen, was ich sehr zu schätzen gelernt habe. Alle großen Emotionen kamen von allein und damit sind auch die Songs nach der Reihe eingetrudelt.
Was wünschst du dir, dass Menschen aus „cerberus“ mitnehmen?
Einen sicheren Rückzugsort, wo alles gefühlt werden darf.
Wie Frust zu Musik wird – und Musik zu Empowerment | ein Blick ins Herz von „cerberus“
In „venom“ setzt du dich mit strukturellem Sexismus auseinander – besonders in vermeintlich progressiven Kreisen. Was war der Auslöser, diesen Song zu schreiben?
Ich hab mich als Flinta*-Person schon oft in Situationen wiedergefunden, bei denen meine Grenzen überschritten wurden und ich danach so getan habe als wär alles ok, nur damit sich die Person nicht komisch fühlen muss. Nach einigen Jahren ist mir dann überhaupt aufgefallen, was ich da mache.
Vor allem weiblich gelesene Personen werden in unserer Gesellschaft auf Höflichkeit/People-Pleasing und Ruhe sozialisiert. Uns wurde nie die Möglichkeit gezeigt, dass wir unsere Grenzen klar kommunizieren dürfen. Außerdem wurde uns immer vorgelebt in Serien und Filmen, dass nach Erlaubnis zu fragen „den Moment ruinieren“ würde. Und nachdem ich wieder mal ungefragt geküsst wurde und mich sehr schlecht danach gefühlt habe, wurde ich zum ersten Mal frustriert und wütend, so wie man sich normalerweise fühlen sollte, wenn Grenzen überschritten werden. Aus dieser Wut entstand „venom“.
„feel it coming“ thematisiert die Angst, nachts als FLINTA*-Person unterwegs zu sein. Wie wichtig war es dir, diese Erfahrung musikalisch festzuhalten?
Auch hier ist der Song aus einem gewissen Frust entstanden. Die Erfahrung als Flinta*-Person zu leben oder als Cis-Mann sind zwei ganz unterschiedliche Welten. Man redet zwar in meiner Bubble oft darüber, dass wir uns fürchten müssen, aber ganz verstehen tut man das glaub ich nicht, vor allem wenn man es selbst nicht erleben muss. Mit „feel it coming“ haben Filiah und ich also versucht musikalisch das Gefühl dieser Angst umzusetzen, sodass es vielleicht ein bisschen besser verstanden werden kann.
Viele Songs wie „red paint“, „you and i“ oder „gemini“ kreisen um toxische Beziehungen, Hoffnung und Loslassen. Welche Rolle spielt Verletzlichkeit in deiner Kunst?
Eine ganz große. Wie vorhin erwähnt, ist Ehrlichkeit und somit auch diese Verletzlichkeit ein ganz wichtiger Teil meiner Kunst. Ein großer Wunsch ist es, dass sich Menschen in meiner Musik wiederfinden und sich auch auf eine Art geborgen fühlen können. So wie eine Art Community, wo wir gegenseitig auf uns aufpassen, uns nicht verstellen müssen und alles fühlen dürfen, was es gibt.
Gab es einen Song, der dich im Studio emotional oder kreativ besonders herausgefordert hat?
„for me“ hat mich sehr emotional gemacht. Da musste ich beim Aufnehmen weinen und die Aufnahme haben wir dann auch als finale Aufnahme für den Song genommen.
Wie Community, Synths und große Träume sanna frankies‘ nächste Ära prägen
Was bedeutet dir die Bühne – ist sie eher ein sicherer Ort oder ein Ort der Konfrontation?
Beides würde ich sagen! Wie ein Zuhause: man fühlt sich sehr sicher, aber zuhause ist der einzige Ort, wo ich auch am besten meine Gefühle reflektieren kann. Das ist für mich auch immer eine Art Konfrontation.
Du hast eine starke Community auf TikTok und Instagram. Wie beeinflusst der direkte Austausch mit deinen Follower*innen deine Musik?
Es beeinflusst mich in dem Sinne, dass ich unbedingt meine Musik weiterhin veröffentlichen möchte. Es ist so schön zu sehen, dass die Musik gehört wird und sich Menschen damit identifizieren können. Das gibt mir immer sehr viel Kraft.
Gibt es Themen oder Sounds, die du in Zukunft unbedingt weiter erforschen möchtest?
Ich bin absoluter Fan von Synth-Sounds – ich glaub da werde ich mich noch reinkuscheln und Neues entdecken. Und bezüglich Themen: über ein paar Themen, die ich im Album behandelt habe, werde ich wohl noch öfter schreiben, weil sie immer und immer wieder Aufmerksamkeit brauchen werden.
Wenn du dir eine Traumkollaboration aussuchen könntest – wer wäre es und warum?
Julia Michaels, weil sie einer der fantastischsten Songwriter*innen ist, die es gibt oder Jon Bellion, da er so experimentierfreudig ist mit seiner Musik, das find ich sehr inspirierend!
Es bleibt spannend, was sanna frankie als Nächstes für uns bereithält – doch eines ist klar: Sie hat noch einiges vom Herzen zu schütteln und wird auch in Zukunft für wichtige Themen einstehen, die sie und viele ihrer Hörer*innen beschäftigen. Dazu liefert sie Songs, in denen man sich emotional fallen lassen kann.
Unser Tipp: Fügt sanna frankie zu euren Favoriten hinzu, damit ihr keine Tour‑News und Updates mehr verpasst.