Musik

Konzertnervbirnen #2: Die Frischverliebten

Wir lieben natürlich Konzerte und verbringen unsere Abende am liebsten in der Gesellschaft Gleichgesinnter vor einer Bühne. Aber wir wollen euch auch nicht nur in Euphorie und Watte kuscheln. Deshalb gehen wir mit dieser Kolumne dahin wo es wehtut – und stellen uns direkt neben die schlimmen Menschen, die einem auch das beste Konzert versauen können.

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In der zweiten Folge nimmt sich Leonie Scholl die die Frischverliebten vor, die einfach nicht die Zungen und Hände voneinander lassen können.

Ach, was gibt es schöneres, als ein Konzert mit dem Herzensmenschen zu verbringen. Allein das Privileg, den selben Musikgeschmack zu teilen, steigert die Wertigkeit jeder Beziehung um ein Vielfaches. Im besten Fall ist man ja bereits so ein eingespieltes Team, dass die Aufteilung zwischen Bierholen, Garderobenstehen und Taktung der Pinkelpausen perfekt koordiniert hat. Es gibt jedoch eine Art Pärchen die unter überhaupt keinen Umständen zusammen auf ein Konzert gehen sollte: Frischverliebte. Und zwar aus folgenden Gründen:


1. Frischverliebte müssen sich ununterbrochen anfassen. Betatschen sie sich zunächst noch schüchtern und unbeholfen, steigt mit fortschreitender Setlist die Bereitschaft, sabbernde Endlosküsse auszutauschen, die geräuschstark und völlig ohne Scham vor allen Umstehenden zelebriert werden. Steht man nun dahinter kann man gar nicht anders, als diesem Schauspiel zuzusehen. Das scheinen Frischverliebte auch noch zu genießen, denn …

2. Frischverliebte wähnen sich als Mittelpunkt der Erde. Eigentlich ist das gesamte Konzert nur dafür konzipiert worden, ihrer anbahnenden Liebschaft einen Soundtrack zu verpassen. „This song is for the lovers!“ Sie werfen sich verstohlene Blicke zu: Das ist unser Lied! Eng umschlungen wippen sie in alle Richtungen und touchieren die Gliedmaßen aller umstehenden Personen. Und dein einsames, gebrochenes Herz.

3. Frischverliebte übertreiben einfach endlos. Ihr Imponiergehabe führt dazu, dass sie sich in völliger Ekstase gegenseitig auf die Schultern nehmen. Nun kann niemand mehr etwas von der Bühne sehen, Umhängetaschen und klitschnasse Shirts werden dir zeitgleich ins Gesicht geschleudert, während sie sich asynchron im Takt bewegen. Das Ganze endet mit einem abrupten Abwerfen der oberen Person. Selbst wenn sich diese dabei alle Rippen brechen würde, würde sie noch lachen aus lauter Frischverliebtheit und es ist einfach todesgefährlich.

4. Frischverliebte haben kein rationales Empfinden von den Konsequenzen ihres Handelns. Darum muss man sie vor sich selbst schützen! Sollte die Liaison unglücklich enden, so ist die Band für immer ruiniert. Jedes Lied wird zu einem direkten Katapult in die Hölle, man kann das Album nie wieder so hören wie zuvor. Mir sind auf diese Weise schon zahlreiche Lieblingsbands zerstört worden. Aber um ehrlich zu sein würde ich es immer wieder machen. Denn ist man selbst frisch verliebt, dann sind gemeinsame Konzertabende das schönste, das man zusammen erleben kann. <3

Jeden Monat neu: Die Kolumne „Konzertnervbirnen“ im Applause Magazin – hier kannst du alle Ausgaben kostenlos online lesen!

Text: Leonie Scholl
Illustration: Alexandra Ruppert.